Die Woche im “Loch” von Pereira

Posted by on 12. November 2013

Mitten auf der Strecke von Medellin nach Cali versagte unser Automatikgetriebe. Wir verloren Öl, das Getriebe lief heiß und das war es dann. Unsere PanAmericanArte – Tour kam mal wieder zum Stillstand. Das erste mal, dass wir die nächste Werkstatt nicht aus eigener Kraft erreichten. Ein Kranwagen musste her und uns „Huckepack“ ins 90 min. entfernte Pereira bringen. Zu Toyota in Pereira, der 455 Tsd. Einwohner Stadt wollten wir, dort gab es eine Niederlassung. Jaime, der Fahrer der Abschleppwagens, meinte dann bei der Hinfahrt, dass Toyota zu weit draußen vor der Stadt liegt und wir da nicht im Wagen bleiben könnten und Toyota außerdem viel zu teuer sei. Argumente, die uns überzeugten. Nach kurzem Überlegen wiesen wir Jaime an uns zu seinem Freund, einem Spezialisten für Automatikgetriebe zu bringen. Schon von weitem sahen wir das Lichtermeer von Pereira, denn es war inzwischen schon dunkel geworden. Die letzten Kilometer ging es runter ins Tal und wir tauchten in die erleuchtete Stadt ein. Pereira hat nichts Besonderes für Touristen zu bieten. Man kennt es nur von Nachrichtenmeldungen, wenn wieder ein Erdbeben die Stadt heimsuchte. Touristen trifft man eher selten in der Stadt an.  Jaime und sein Begleiter Michin, der in unserem „Balu“  mitfuhr und immer darauf zu achten hatte, dass wir durch die Unterführungen kamen, brachten uns zielsicher durch die Stadt bis zu einer Tankstelle. Als ich ihn fragte, ob wir unser Ziel erreicht haben sagte er nur „casi“, was „fast“ bedeutet. Er hatte Recht, wir waren schon fast da, nur noch eine holprige Erdstraße steil nach unten ins Dunkle. Das war die Einfahrt zum Loch oder „el agujero“, wie die Einheimischen dieses Viertel nennen. Wir konnten in der Dunkelheit nicht viel erkennen, nur einige Feuer rauchten und wir erkannten, dass hier viel Betrieb herrschte. Fast wie ein mittelalterliches Lager. Überall standen Busse und LKW´s, dazwischen Lichter und dunkle Gestalten, sowie laute Musik. „Wir sind da“ meinte Jaime und wir stiegen aus. Gleich begrüßte uns ein Herr, der aus einer Hütte kam und wies uns einen Platz zu, wo wir bleiben könnten. Vorsichtig hievten wir „Balu“ vom Wagen und parkten in der zugewiesenen Nische zwischen zwei Bussen. Alles lief nach kolumbianischem Muster ab, was heißt, dass viele Menschen mir plötzlich beim Einparken Anweisungen zuriefen. Ich verstand nur noch „dale, dale dale“ und „dele, dele, dele“, was immer das gleiche bedeutet, nur einmal höflich gesiezt und das andere geduzt, was mir zu diesem Zeitpunkt völlig egal war, Hauptsache war , dass wir angekommen sind. Wir stellten das Fahrzeug ab, zogen unsere Rollläden hoch und verschanzten uns im Fahrzeug. Am nächsten Morgen wurden wir durch laute Musik geweckt. Punkt 7.00 Uhr begannen die Mechaniker der umliegenden Werkstätten zu arbeiten und dazu brauchten sie etwas Ermunterung durch Musik. Als wir vorsichtig die Rollläden runter rollten, zeigte sich das „Loch“ in ihrem vollen Ausmaß. Holzhütten mit Werbetafeln der jeweiligen „Spezialisten“, Autos überall und vom Öl geschwärzte Mechaniker in einer verdreckten Umgebung, dass war unser erster Eindruck. Als wir unsere Kabinentüre öffneten, stellten wir fest, dass wir mitten im Dreck standen. Na prima, dachten wir, wo wir da wohl gelandet sind. Wir begaben uns zu unserer Werkstatt, was heißt, dass hier jede Werkstatt nur für einen bestimmten Bereich spezialisiert ist. Der eine macht nur Kühler, der andere nur Bremsen und der nächste nur Automatikgetriebe. Hier waren wir richtig. „Unsere“ war sogar gemauert und richtig groß. Helio und Javier, die „Chefs“ und Spezialisten begrüßten uns und  schickten uns sofort Uwe, der sogleich begann, das Getriebe aus zu bauen. Uwe warf sich mit seinen ölverschmierten Klamotten unter das Auto in den Dreck. Ab und zu tropfte Öl auf seinen Kopf. Es sah fast lustig aus, wie  ihm dann das Öl in Bahnen runter ran. Er hatte ganz kurz geschnittene Haare und etliche Rinnen ausrasiert, in denen das Öl wie in einer Ablauf-Rinne floss. Ich getraute mich nicht ihn zu fragen, ob er sich diese Frisur extra so schneiden lies.  Zwischen den Werkstätten lagen „Bars“, wo die wartenden Bus- und LKW Fahrer etwas zu essen und zu trinken bekamen. Morgens um 8 Uhr wurde schon gegrillt und das eine oder andere Bierchen getrunken, obwohl auch in Kolumbien Alkohol am Steuer streng bestraft wird. Nun erfuhren wir, dass unser Getriebe ziemlich ramponiert war und wir auf Ersatzteile aus Bogota warten müssten, was für uns bedeutete, dass wir uns auf einen „längeren“ Aufenthalt einstellen mussten. Immer mehr kamen wir mit den Leuten in Kontakt und erfuhren dabei, dass die Werkstatt einen guten Ruf hat. Helio macht seit 30 Jahren nichts anderes als Automatikgetriebe zerlegen und wieder zusammenbauen. Langsam fühlten wir uns hier gut aufgehoben. Auch der Kostenvoranschlag stimmte uns freundlicher. Unser Umfeld faszinierte uns immer mehr und wir begannen die Menschen hier genauer zu beobachten. Morgens kurz nach 7.00 Uhr kam erst mal der Dealer vom angrenzenden „Paintball“ Feld und versorgte hauptsächlich die jüngeren Mechaniker der umliegenden Werkstätten mit einer Portion Marihuana, dass sie dann genüsslich hinter unserem Fahrzeug konsumierten. Danach ging es an die Arbeit. Sie schmissen sich regelrecht unter die alten Busse und klopften und schraubten wie wild und das den ganzen Tag bis in die Nacht hinein.  Werktags wurde es gegen 23.00 Uhr dann immer ruhiger. Nur in den dazwischen liegenden Bars flammte noch Leben auf. Hier wurde getrunken und getanzt.  Geschminkte Mädels mit High Hills stapften plötzlich durch den Dreck und bezirzten die wartenden Fahrer. Für umgerechnet 8,- € konnte man sich ein wenig Abwechslung kaufen, wie mir die Busfahrer erzählten. Gegen 2.00 Uhr nachts war es dann ruhig und nur noch der Wächter Diego mit seinem Hund „Tyson“ waren unterwegs. Dies beruhigte uns sehr und wir fühlten uns auch sicher unter seiner Aufsicht. Als wir ihm dann noch zwei Dollar Trinkgeld gaben und seinen Hund Tyson fütterten, kam in uns noch mehr das Gefühl der Sicherheit auf. Jedenfalls schliefen wir die Woche im Loch sehr gut, trotz des Lärms. Nach und nach lernten wir die Menschen hier näher kennen. Den „Grauhaarigen“ wie sie ihn nannten, der nur Kühler repariert oder auch den feinfühligen Helio, der uns seine Bibelsprüche und seine Pflanze, die er, neben seinem Arbeitsplatz hoch zieht, zeigte. Mit vielen fliegenden Händlern, die durch das „Loch“ streiften kam auch der Losverkäufer Gabriel, der uns seine Lebensgeschichte erzählte. Er hat vor 14 Jahren alles verloren, als er von den Para Militärs  von seiner Finca vertrieben wurde. Auch Jorge der Ersatzteilbeschaffer schaute immer wieder bei uns vorbei. Alle waren neugierig und wollten mit den „Alemanes“ reden. Zwei Busfahrer gestanden uns, dass sie noch nie so wie mit uns, mit Ausländern gesprochen hätten. Der Orangenfarmer Jaime schenkte uns Mandarinen, die er gerade auf seiner Pritsche geladen hatte und sogar ein Zauberer beglückte uns mit seinen Kunststücken. Auch beeindruckten uns die beiden „Lehrlinge“ Nelson und Alejandro, gerade mal 13 Jahre alt. Alejandro musste immer etwas früher aufhören zu arbeiten, da er zum Religionsunterricht musste. Wie er uns verriet, möchte er bald zur hl. Kommunion gehen.  Und Nelson berichtete uns stolz, dass er schon einmal in Cartagena war, das 630 km nördlich von Pereira liegt. Auf die Frage ob er geflogen sei, lächelte er etwas schüchtern. Wir bohrten weiter. Mit dem Auto oder dem Bus? Er schüttelte den Kopf  und es kam leise aus ihm heraus. „Mula“ sagte er nur. Wie wir dann später von ihm doch noch erfuhren, war er mehr als drei Tage mit dem Maultier unterwegs und es war ein riesiges Erlebnis für ihn. Wir stellten mit zunehmender Dauer unseres Aufenthaltes fest, dass hier das “Alltagsleben“ stattfand. Die Teile aus Bogota ließen auf sich warten, was uns aber nicht sonderlich mehr störte. Nach fünf Tagen kannten uns alle und wir wurden freundlich gegrüßt, ja mehr noch, wir gehörten schon fast dazu. Uns störte auch nicht als ein Regenguss nieder ging und wir einen halben Meter im ölgesättigtem Wasser standen das schließlich den Dreck wegschwemmte. Es sollte unser Fahrzeug am Freitag fertig werden doch es taten sich weitere Probleme auf. Das nahende Wochenende war regelrecht zu spüren.  Schon nachmittags füllten sich die umliegenden „Bars“. Es wurde getrunken, gesungen und getanzt bis morgens um 4.00 Uhr. Erst dann kehrte für wenige Stunden Ruhe ein. Einen Ruhetag gibt es hier nicht, es wird gearbeitet, wenn es nötig ist. So kamen auch unsere Jungs und schraubten den ganzen Sonntagvormittag, damit wir unsere Fahrt fortsetzen konnten. Als es schließlich soweit war, standen sie zum Abschied fast traurig zusammen und winkten uns hinterher. Wie sie uns dabei erzählten, ist es ihnen ein großes Anliegen, dass wir in „Alemania“ weitergeben, dass Kolumbien neben schönen Landschaften auch gute menschliche Seiten zu bieten hat. Anscheinend war das Erlebnis nicht einseitig. Zufrieden und tief beeindruckt setzten wir unsere Fahrt fort.

5 Responses to Die Woche im “Loch” von Pereira

  1. Josh moeller

    Eine berührende und eindrückliche Beschreibung , merci y gracias …

  2. Peter

    Hall Ihr Beiden,

    wieder mal ein sehr schöner und informativer Reisebericht von Euch.
    Danke dafür !
    Wir wünschen Euch und drücken Euch dazu alle Daumen,
    auf daß keine weiteren Pannen Eure phantastische Reise unterbrechen!
    Bleibt gesund und paßt schön auf Euch auf !!! :-)

    Liebe Grüße aus Niederbayern senden Euch

    C. & P. aus M. ;-)

  3. Marlene

    Ihr scheint mehr auszuhalten als das Auto, das ist doch schon was. Bleibt gesund, bis bald in Nb.

  4. Franz Moser

    Hallo Michael und Mariana,

    ein sehr aufschlußreicher Bericht über Eure Reise.

    Gute Wünsche mögen Euch im Neuen Jahr begleiten

    Viele Grüße aus Boin

    Franz , Anneliese und Gitta

  5. Hans-Ueli Flückiger

    Hola Mariana y Michael

    Ich sitze bei Agi und Guido und blättere im Gästebuch. Da finde ich diese herrliche Zeichnung und gelange so auf Eure spannenden Site.

    Kolumbien war für mich das schönste Land auf meiner Reise.

    Herzliche Grüsse
    Hans-Ueli

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